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Ingo Kallenbach

Reflect im Gespräch mit Prof. Jan Teunen

- Cultural Capital Producer und Initatior von Officina Humana - über Führungskräfte als Gärtner und Büros als Gewächshäuser für Kreativität


 Vita 

Jan Teunen (*1950) ist Cultural Capital Producer. Als Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH unterstützt er seine Kunden darin, ihr kulturelles Kapital und ihre Wirtschaftskraft zu mehren. Er ist Kuratoriumsmitglied der Burg Giebichenstein / Kunsthochschule Halle und hat dort eine Professur für Designmarketing inne. Jan Teunen ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. 

Reflect: Sehr geehrter Herr Professor Teunen, Sie bezeichnen sich selbst als Cultural Capital Producer. Was genau kann man darunter verstehen?

J. Teunen: Ein Cultural Capital Producer kümmert sich in Unternehmen darum, dass ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung entsteht. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sich eine konstruktive, positive Unternehmenskultur entwickeln kann. Am Beispiel meines Kunden dm sieht man, dass dm dieses Gleichgewicht hat und Schlecker es nicht hatte. In Zukunft wird die Wirtschaftskraft aus kultureller, moralischer und ästhetischer Kraft entstehen. Ich helfe meinen Kunden dabei, sich zu kultivieren und diese Kräfte herbeizuführen.


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Reflect: Sie charakterisieren die heutigen Büros als seelenlose Räume und Wüsten für den Menschen. Steht es wirklich so schlimm um den Büroangestellten?

J. Teunen: Viele Unternehmen sind aus dem Gleichgewicht geraten. 90 % aller Büros sind von wirtschaftlicher Rationalität geprägt. Das ist kein Klima, um menschliches Potenzial zu entfalten. Menschen können in diesen Räumen nicht gedeihen und jegliche Motivation wird erstickt. Die Gallupstudien zeigen, dass nur 15 % der Angestellten mit Herz und Seele ihrem Job nachgehen. 70 % macht Dienst nach Vorschrift und 15 % haben innerlich gekündigt.

60 % der Angestellten sind mit Angst am Arbeitsplatz. Mobbing, Langweile und Einsamkeit sind ebenfalls weit verbreitet. Als Konsequenz gehen über 40 % der in Menschen investierte Geldmittel verloren. Das sind für Unternehmen enorme Reibungsverluste. Noch viel schlimmer ist allerdings, dass die Lebensqualität der Menschen zerstört wird und die Gesellschaft und somit die Welt verletzt wird.

 

Reflect: Diese Zahlen sind erschreckend. Sie sagen außerdem, dass Menschen von den heutigen Büros krank werden.

J. Teunen: Es ist Tatsache, dass 60 % aller Herzinfarkte bei Männern sich montagmorgens zwischen 6:00 und 9:00 Uhr ereignen. Zu dem Zeitpunkt also, wenn sie wieder in ihr Büro müssen. Das ist in ganz Europa und auch in Nordamerika so. Diese Zustände kann sich eine Gesellschaft nicht leisten. Außerdem gibt es ein eklatantes Ungleichgewicht in der Welt, was Wohlstandsverteilung und Zusammenarbeit betrifft. Wenn wir das in eine Balance überführen wollen, brauchen wir motivierte Menschen.

 

Reflect: Wie kann man Menschen motivieren? War das der Ursprungsgedanke von Ihrem Konzept „Officina Humana“?

J. Teunen: Der Ursprung der Officina Humana Idee geht auf meine Begegnung mit Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus vor etwa elf Jahren zurück. Mohammed Yunus hat mit seinen Mikrokrediten viele Menschen von der Armut befreit. Von ihm stammt auch der Satz: „Arme Menschen sind wie Bonsais. Sie sind aus einem guten Samen gemacht aber haben eine zu kleine Schale und können deshalb nicht über sich hinauswachsen.” Yunus möchte die Armut ins Museum stellen. In unserem Gespräch habe ich ihm gesagt, dass er diesen Traum nicht verwirklichen könne, wenn wir die Bonsaimenschen, die es hier bei uns gibt, nämlich die in den von wirtschaftlicher Rationalität dominierten Büros leben, nicht befreien und die geistige Armut, die daraus hervorgeht, beseitigen.

Eine weitere wichtige Begegnung war das Treffen mit dem Hirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther bei einem Vortrag in Berlin. Gerald Hüther forscht am lebenden Gehirn und weiß somit, dass die Dopaminachse am heftigsten sprudelt, wenn die Qualität im Umfeld und die Qualität im Umgang stimmt. Diese beiden Qualitäten sind also die Hauptmotivationstreiber.

Das Wissen zum Thema Qualität im Umfeld und Qualität im Umgang wurde in dem Buch Officina Humana - Das Büro als Lebensraum für Potenzialentfaltung zusammengetragen. Es ist ein Zubringer für die vom ASB Hessen gegründete Beratungsgesellschaft mit gleichem Namen. Ziel der Initiative ist es, die Umstände in Unternehmen zu verbessern und der Wirtschaft das Bewusstsein und Wissen von Officina Humana zur Verfügung zu stellen. Diese Initiative wurde inzwischen adaptiert. Die designfunktion Gruppe, unterstützt von Vitra, decken als Einrichtungsexperten das Themenfeld Qualität im Umfeld ab. Die Beratung im Bereich Qualität im Umgang übernimmt Reflect. Das Erarbeiten ganzheitlicher Lösungen für Unternehmen mit Reflects Modell der Gesunden Organisation und der Fokus auf balancierte Führung und Potenzialentfaltung passt sehr gut zusammen.

 

Reflect: Wenn wir vom Reflect Modell der “Gesunden Organisation” ausgehen, welche Bereiche tangiert die Qualität im Umgang und die Qualität im Umfeld Ihrer Meinung nach am meisten?

J. Teunen: Ich finde Ihren Ansatz der Gesunden Organisation sehr gut. Im Zentrum steht ja die balancierte Führung. Die Aufgabe der Führung in einem Unternehmen ist es ja nicht, Komplexität zu managen, sondern die Führung muss erneuern und weise sein. Die Unternehmenskultur folgt immer der Führung oder sie erfolgt nicht. Weise Führungskräfte haben einen gleichgewichtigen Dreiklang bestehend aus Rationalität, Emotionalität und Sozialität.

Die Qualität im Umgang hat also sehr viel mit Führung und Mentalität zu tun. Damit die Qualität im Umgang in einem Unternehmen stimmt, braucht es Orientierung durch das Außen. Es braucht ein Regelwerk, und zwar nicht um eine zwangsneurotische Ordnung herbeizuführen, sondern damit die Arbeitsgemeinschaft sozial gelingt. ASB Hessen hat sich für Reflect als Partner entschieden, weil das Reflect Modell der Gesunden Organisation ebenso wie Officina Humana, eine Ganzheitlichkeit anstrebt. Nur so kann Veränderung im Unternehmen gelingen.

Die Qualität im Umfeld prüft, ob die Umstände so gegeben sind, dass Menschen gut miteinander arbeiten können. Besonders wichtig ist, dass nach jeder Kreation die Rekreation möglich ist. Rein funktionale Büros verursachen negativen Stress. Als Konsequenz verlieren Menschen das, was sie gerade jetzt in der Postdigitalisierung brauchen, die Kreativität und Intuition.

Deshalb muss der Raum ein Angebot machen, dass nach jeder Kreation die Rekreation möglich ist. „Multispace“ – Konzepte sind deshalb sehr wichtig, weil Ruheräume integraler Bestandteil sind und dazu beitragen, dass die Kreativität und Intuition der Menschen erhalten bleibt.

 

Reflect: Es gibt sehr viele Bürokonzepte. Großraum- und Einzelbüros sind jedoch nach wie vor die Standards in heutigen Büros: Wie könnte aus Ihrer Sicht ein erfolgversprechendes Konzept für Arbeitsräume der Zukunft aussehen?

J. Teunen: Der Arbeitsraum ist ja so etwas wie die zweite Natur des Menschen geworden. Früher haben Menschen in der ersten Natur gelebt. Die erste Natur hat eine Qualität die sowohl eine funktionale wie auch eine poetische Beziehung ermöglicht. Diese Qualität kann man auch in der zweiten Natur, also den Arbeitsräumen ermöglichen, man muss sie aber herbeiführen. Das kann man erreichen, indem man Arbeitsräume mit Schönheit flutet und sie so zu Gewächshäusern für Kreativität werden lässt.

 

Reflect: Und wie kann das erreicht werden?

J. Teunen: Die Digitalisierung hat die Büros erreicht und bewirkt, dass Routineaufgaben zum größten Teil von Maschinen gemacht werden. Das ist ein Geschenk, denn der Mensch ist nicht gemacht, um geisttötende Tätigkeiten zu verrichten, sondern sollte schöpferisch tätig sein. Kreativität kann in funktionalen Räumen nicht funktionieren, sondern benötigt ein stimmiges Umfeld. Ich nehme gerne das Bild eines Gartens. Der Garten ist ein Ort, dem man Arbeit, Mühsal, Zusammenarbeit, Hegen und Pflegen aber auch Muße und Entspannung zuschreibt. Ähnlich sollte das Büro sein. Nur dort kann der Mensch sein volles Potenzial entfalten.

 

Reflect: Sie beschäftigen sich intensiv mit Motivation und Inspiration. Welche Tipps haben Sie für heutige Führungskräfte im Hinblick auf „New Work“?

J. Teunen: Führungskräften rate ich, den Angestellten zunächst als Menschen mit individuellen Bedürfnissen und Sehnsüchten und nicht zuerst als Mitarbeiter zu begegnen. Jeder Mensch möchte glücklich sein. Und Glück entsteht durch Geborgenheit und Berücksichtigung individueller Wünsche und Bedürfnisse. Die Führungskraft sollte Sorge tragen, dass sich die Mitarbeiter geborgen fühlen und das Individuum respektiert wird. Auch die Sehnsüchte nach Verbundenheit und Potenzialentfaltung sollen in Unternehmen befriedigt werden. Bleiben wir beim Bild des Gartens. Ein Gärtner hegt und pflegt, begleitet, fördert das natürliche Wachstum und trägt Sorge, dass der natürliche Humus nicht ausgetrocknet wird. Eine Führungskraft soll ebenso seine Mitarbeiter begleiten und Umstände schaffen, damit diese ihr Potenzial gemäß Eignung und Neigung voll entfalten können. Die ganzheitliche Betrachtung einer Führungskraft ist immens wichtig.

 

Reflect: Sie haben Ihr neues Buch "Wo die Seele singt – Die Kunst in Unternehmen" gerade auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Geben Sie uns noch einen kleinen Ausblick?

J. Teunen: Wir kommen ins Büro und bringen drei Dinge mit. Zum einen unseren Körper. Dieser braucht eine stimmige, physische Ergonomie. Als zweites den Geist. Der menschliche Geist braucht Schönheit als Gegengewicht zu negativen Informationen, die Schönheit tröstet uns. Das dritte was wir im Büro dabeihaben, ist unsere Seele. Die Seele ist das einzige nicht-organische Organ, über das wir Menschen verfügen. Dieses Organ hat primär die Aufgabe, die Verbindung mit dem Höheren aufrecht zu erhalten. Dies können wir erreichen, wenn wir der Seele Nahrung geben. Die Nahrung heißt “Spirit”. Diese Seelennahrung gibt es konzentriert nur in zwei Bereichen, nämlich in der Religion und in der Kunst. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Kunst in Unternehmen in den Arbeitsräumen integriert wird. Natürlich reicht es nicht aus, Kunst einfach hinzuhängen. Man muss den Mitarbeitern auch helfen, den Tiefenraum der Kunst zu öffnen, damit Menschen an die Nahrung der Seele herankommen. Das ist das Thema des neuen Buches.

 

Reflect: Lieber Herr Prof. Teunen, wir danken Ihnen herzlich für das sehr inspirierende Gespräch!

Das Gespräch führte Jutta Merkel, Reflect

 


 

Buchempfehlungen zum Thema:

Kulick A., Quarch, C. & Teunen, J. (2017). Officina Humana: Das Büro als Lebensraum für Potenzialentfaltung. Avedition

Quarch, C. & Teunen, J. (2019). Wo die Seele singt. Über die Kunst in Unternehmen. Remedium Verlag GmbH

Kallenbach, I. (2016). Führen in der Gesunden Organisation: Außergewöhnliche Leistung durch Potenzialentfaltung. Schäffer Poeschel


 

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