Ingo Kallenbach

Führen in der agilen Welt (2): "Working out loud"

Wie Sie mit „Working out loud" die Entwicklung zum agilen Unternehmen fördern können

Unternehmen wie Siemens und Continental arbeiten bereits erfolgreich mit der neuen Methode. Bei BMW und Bosch wurde „Working out loud“ sogar schon in die tägliche Arbeitsroutine integriert. Im Zeitalter der Digitalisierung verspricht dieses neue Verfahren eine Zusammenarbeit über Bereichs- und Unternehmensgrenzen hinweg zu ermöglichen und den schnellen Austausch von Wissen sowie den Zugang zu Institutionen und Personen, zu denen man bisher keinen Kontakt hatte, zu fördern.

Aus diesem Anlass sind wir der Frage nachgegangen, wie Sie „Working out loud“ für Ihr Unternehmen zur Etablierung einer agilen Haltung nutzen können.

 

Was ist „Working out loud"?

Um sich der Worte des Erfinders der Methode und des Verfassers des gleichnamigen Buches John Stepper zu bedienen, ist „Working out loud“ eine einfache Methode, um relevante Arbeitsbeziehungen aufzubauen, die dabei helfen, ein Ziel zu erreichen oder neue Themen zu entdecken.“

Als Kern dieser Methode beschreibt er in seinem 2015 erschienen Buch eine Vielzahl praktischer Techniken und Arbeitswerkzeuge, die primär dem Aufbau von Beziehungen dienen sollen. Dabei werden mithilfe von Geschichten, Praktiken und Übungen eigene Verhaltensweisen modifiziert und eine offene, selbstorganisierte und vernetzte Arbeitsweise eingeübt. Das Grundprinzip der Methode besteht aus der Bildung sogenannter „Circles“, die mit kleinen Arbeitsgruppen gleichgesetzt werden können. Sowohl Online als auch Offline findet in regelmäßigen Treffen ein stetiger Austausch zwischen den Beteiligten statt.

Bei „Working out loud“ steht vor allem die persönliche Begegnung von Menschen fernab von Funktion, Rolle oder Aufgabe im Unternehmen im Mittelpunkt. Die Teilnehmer sollen gemeinsam und voneinander lernen, den bestmöglichen Weg für sich selbst zu finden, wie sie ein bestimmtes Ziel erreichen können. Dabei stehen die gegenseitige Hilfe und der Austausch von Wissen im Vordergrund. Die eigene Arbeit und das spezifische Expertenwissen eines jeden soll sichtbar gemacht und geteilt werden. Auf diese Weise wird der Wissenstransfer gefördert und Silos abgebaut.

 

Wie funktioniert „Working out loud“?

Die praktische Anwendung von „Working out loud“ findet in den bereits erwähnten Circles statt, die aus 4-5 Personen bestehen. In diesen kleinen Gruppen trifft man sich für einen Zeitraum von 12 Wochen einmal jede Woche für eine Stunde entweder persönlich oder digital. In den insgesamt 12 Sitzungen bearbeitet jeder Teilnehmer sein individuelles Ziel mithilfe des Wissens und der Fähigkeiten der anderen Gruppenmitglieder. In jeder Sitzung wird gemeinsam nach einer vorgegebenen Agenda, dem sogenannten „Circle Guide“, gearbeitet.

Dabei werden verschiedene Übungen allein oder auch gemeinsam absolviert. Durch Diskussionen, Reflexionen und Feedback lernt jeder mit und von den anderen Teilnehmern. Man startet in Woche 1 mit der Festlegung des persönlichen Ziels und dem Anlegen einer Liste der Leute, die mit diesem Ziel in Verbindung stehen. In Woche 2 beginnt die Aktivierung der Beziehungen durch das Erstellen von Beiträgen für die Leute, die auf der eigenen Liste stehen usw. Auf diese Weise sollen die Mitarbeiter lernen, offener und vernetzter zu arbeiten und werden so auf die neuen Anforderungen der digitalisierten Arbeitswelt vorbereitet.

Jeder Mitarbeiter kann mit seinem „Circle“ Schritt für Schritt genau das lernen, wofür er sich interessiert. Dabei spielt die Wahl des Zieles keine Rolle, da  die Mechanismen des netzwerkbasierten Arbeitens sowohl mit privaten als auch mit beruflichen Zielsetzungen erlernt werden können. Aufgrund der Einfachheit der Methode kann sie flexibel in den Arbeitsalltag integriert werden und auf alle erdenklichen Themen angewandt werden.

 

Bild Working out loud.png

 

„Working out loud“ und Agilität im Unternehmen

Die Methode „Working out loud“ bietet den Mitarbeitern eine Möglichkeit, sich über Hierarchien hinweg zu vernetzen, hilfreiche Informationen zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen und inspirieren. „Working Out Loud“ als flexible und netzwerkbasierte Arbeitsform stellt einen Ansatz dar, eine agile Haltung im Unternehmen zu fördern. In den Sitzungen wird die eigene Arbeit transparent gemacht und eine selbstorganisierte, vernetzte Arbeitsweise einstudiert.

Diese Arbeitsweise kann mit einem agilen Vorgehen gleichgesetzt werden, das durch Vertrauen, pro-aktiven Wissensaustausch, Offenheit und gegenseitige Wertschätzung gekennzeichnet ist. Hierarchische Strukturen treten in den Hintergrund bzw. können komplett ausgeblendet werden, da allein das Wissen und die Fähigkeiten einer Person unabhängig ihres unternehmerischen Status von Bedeutung sind. Das gegenseitige Helfen und voneinander Lernen im Zuge der Erreichung der persönlichen Zielsetzung setzt eine Beziehung auf Augenhöhe voraus, die maßgeblich durch eine gegenseitige Wertschätzung bedingt wird. Das führt im Ergebnis dazu, dass die gesamte Unternehmenskultur offener, innovativer und kollaborativer wird und Wissenssilos abgebaut werden.

Die freie Wahl eines individuellen Zieles, das in den 12 Wochen bearbeitet werden soll, greift auf die intrinsische Motivation der Mitarbeiter zurück und sorgt damit für eine starke Zielbindung. Die Mitarbeiter lernen, dass sie eigene Ziele mithilfe eines Netzwerkes schneller und effizienter erreichen können und verbinden so netzwerk-basiertes Arbeiten mit positiven Erfahrungen. Diese Erfahrung wird auf den Arbeitsalltag übertragen und fördert so die Bildung von interdisziplinären Teams.  

Durch das öffentlich machen der eigenen Arbeit im stetigen Austausch werden neben Fortschritten auch Schwierigkeiten und Fehler sichtbar. Dies ermöglicht zum einen Fehler schneller und effektiver zu bearbeiten und zum anderen auch eine offene Fehler- und Feedbackkultur zu etablieren. Des Weiteren lässt sich die Methode beliebig oft wiederholen und kann damit auch iterativ umgesetzt werden, indem mehrere Durchläufe als Umsetzungszyklen mit spezifischen Zwischenergebnissen gestaltet werden.

 

Fazit

„Working out loud“ kann als wirksames Instrument dienen, Verhaltensänderungen herbeizuführen, neue Arbeitsweisen einzuüben und Netzwerkstrukturen im Unternehmen zu etablieren. Die Methode fördert eine offene und transparente Zusammenarbeit und setzt ganz auf die intrinsische Motivation der Mitarbeiter. Mit „Working out loud“ lernen die Mitarbeiter selbstorgansiert in interdisziplinären Teams zielgerichtet zu arbeiten.

Auf diese Weise wird ein wertvoller Beitrag zur Entwicklung einer gesunden Unternehmenskultur geleistet und eine agile Haltung etabliert. Sie können mit dieser Methode beispielsweise die Weiterbildungswünsche ihrer Mitarbeiter bearbeiten. Anstatt aufwendige Trainingsprogramme zu entwickeln, werden die Mitarbeiter zu Experten ihrer persönlichen Stärken und können ihre Fähigkeiten in den Sitzungen mit anderen teilen, die Defizite in bestimmten Bereichen haben und sich an dieser Stelle Förderung wünschen. Wir sind gespannt, wie sich dieses innovative Konzept in den deutschsprachigen Ländern und international durchsetzen wird.

(redaktionelle Umsetzung: Corinna Brucker)

 

Sie interessieren sich für „Working out loud“ oder können erste Impulse gebrauchen, dann kontaktieren Sie uns einfach!

 

Weitere Blog-Beitrage aus der Serie "Führen in der agilen Welt":

Führen in der agilen Welt (1): "Das Konzept der Agilität"

Führen in der agilen Welt (2): "Working out loud"

Führen in der agilen Welt (3): "Scrum"

Führen in der agilen Welt (4): "Barcamps"

Führen in der agilen Welt (5): "Retrospektive"

Führen in der agilen Welt (6): "Peer-Feedback"

Führen in der agilen Welt (7): "Transparenz"

 

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