Ingo Kallenbach

"Systemisch Führen" von Frank Michael Orthey (2013)

Endlich - möchte man sagen - ein wirklich lesenswertes Buch über systemische Führung. Fast ein kleines Wunder, das es dann doch solange gedauert hat, ist doch Systemisches Gedankengut längst in den Bereichen der Personal- und Führungskräfteentwicklung Standard. Als Beobachter der Szene konnte man in den vergangenen Jahren schon den Eindruck bekommen, dass das „Systemische“ allmählich „durch“ und die Luft etwas raus ist.
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Doch nun zur Lektüre. Das Buch von knapp 200 Seiten ist im Schäfer-Poeschel Verlag in der Reihe „Systemisches Management“ erschienen. Der mir bisher unbekannte Autor Orthey ist selbständig als Trainer und Berater tätig und habilitiert an der Uni Bielefeld im Bereich Berufspädagogik. Der Werdegang steht stellvertretend für den Duktus des Buches: Einerseits doch sehr theoretisch, andererseits aber vor allem im zweiten Teil mit zahlreichen praktischen Anregungen.
Nach einer fundierten Einführung in die systemischen Grundlagen und deren Auswirkung auf den Führungskontext in den ersten beiden Kapiteln, entwickelt der Autor in Folge sein sog. pentagrammatisches Führungsmodell. Ein in sich durchaus stimmiges Konzept. Es besteht insbesondere aus den Dimensionen Aufgabe, Organisation, Kultur, Person, Beziehung und Umwelt. Den Führungsdimensionen wiederum sind Führungskompetenzen zugeordnet. Führungsstile wiederum spiegeln den innersten Bereich des Fünfecks (Pentagramms).
Das Modell bietet somit Lösungsansätze, um mit einer der größten Führungsherausforderungen unserer sog. VUCA-Zeit (volatile, uncertain, complex, ambiguous) klar zu kommen: Balanciert zu führen. Soll heißen, auch unter volatilen, unsicheren, komplexen und ambivalenten Bedingungen die zahlreichen Facetten (Menschen, Prozesse, Regeln, Vorschriften, Interessen von „Stakeholdern“, Kunden etc.) zu reflektieren, Entscheidungen zu treffen und Handlungen daraus abzuleiten.

Nachdem Orthey im ersten Teil das Modell entfaltet hat, folgen in den weiteren Kapiteln praktische Anregungen und Übungen. Besonders die Reflexionsübungen können auch von Führungskräften eingesetzt werden (Kapitel 4). Die im nachfolgenden Kapitel ausgeführten - durchaus interessanten - Werkzeuge sind wohl eher für Berater und Trainer geeignet. Für eine Führungskraft erfordern die vorgestellten Methoden vermutlich zuviel Ressourcen - mentaler und zeitlicher Natur.

Fazit: Ein wirklich gelungenes Buch für erfahrene Führungskräfte und Berater, die sich nicht zum ersten Mal mit systemischen Konzepten auseinandersetzen und die Zeit, Lust und Leidenschaft verspüren, den Sinn in ihrem täglichen Führungshandeln auch in tieferen Schichten zu durchleuchten. Es ist allerdings keine leichte Bettlektüre, weshalb in der Kurzlebigkeit der heutigen Managerwelt davon auszugehen ist, dass es doch eher die Berater- und Trainergilde sein wird, die sich hier Ideen und Anregungen suchen werden, um ihre „in Gebrauch befindlichen“ Führungskonzepte auf den Prüfstand zu stellen.