Ingo Kallenbach

Gesunde Organisation: Impulse für 2017

2016 war das Jahr der Überraschungen: Die Briten stimmten gegen einen Verbleib in der Europäischen Union, die Amerikaner wählten Donald Trump zu ihrem nächsten Präsidenten und die AfD zog in mehrere Landtage ein –  dies sind nur einige der Überraschungen und unerwarteten Ereignisse, die 2016 für uns bereithielt und die nachhaltigen Einfluss auf Wirtschaft und Unternehmen nahmen und noch nehmen werden. So sehnen einige 2017 herbei, denn das letzte Jahr mit seinen Terroranschlägen, Krisen und prominenten Todesfällen will schnell vergessen werden. Der Jahreswechsel und Start ins neue Jahr ist jedoch immer auch ein günstiger Zeitpunkt, um innezuhalten, zu reflektieren, Schlussfolgerungen aus 2016 zu ziehen und Schlussfolgerungen für das neue Jahr zu ziehen, damit Sie Ihre Organisation und auch sich selbst besser auf volatile und unsichere Kontexte vorbereiten können. In dieser Notiz werden wir deshalb Impulse für 2017 formulieren, an denen Sie sich orientieren können, um sich selbst weiterzuentwickeln, systemischer zu führen und ein agileres, gesünderes Unternehmen zu entwickeln.


„Postfaktisches“ 2016

Passenderweise wurde „postfaktisch“ zum Wort des Jahres gewählt, also die Verdrängung von Fakten und Wahrheit zugunsten von emotionsgetriebenen Entscheidungen und unbelegten Aussagen. In der Tat beschreibt der Begriff „postfaktisch“ 2016 treffend. In der Politik lag der Fokus deutlich stärker auf populistischen Aussagen und Versprechungen als auf wahrheitsgemäßer Kommunikation. Zu beobachten war die postfaktische Politikrealität in den USA, in Großbritannien aber auch in Deutschland; so zum Beispiel bei den Landtagswahlen, bei denen die AfD mit postfaktischer und spekulativer Propaganda erschreckend viele Wählerstimmen sammeln konnte. In Zeiten von Ungewissheit und Angst sind Menschen überfordert und sehen sich nach einfachen, emotionsgetriebenen „Statements“ und Handlungen. Dass diese eben oftmals stereotypisierend, spekulativ und manchmal schlichtweg erlogen sind, rückt dabei in den Hintergrund. Nun sollte man meinen, dass die Geschichte Besseres lehrt, doch es ist faszinierend und schockierend zugleich, wie Trump-Anhänger, Brexit-Befürworter und europäische Nationalisten in Zeiten der Unsicherheit mit einer Politik der Angst und Isolation gewinnen. Und genau deshalb ist es essentiell, 2016 nicht schnellstmöglich zu vergessen, sondern aus den Geschehnissen zu lernen. Denn natürlich wünschen wir uns für 2017 mehr „System 2 – Denken“ (Kahnemann, 2015), also eine tiefere, intellektuellere und logischere Auseinandersetzung mit Problemen in der gesamten Gesellschaft. Dies bedeutet aber auch, vorschnellen Urteilen, angstgetriebenem Handeln und volatilen Entscheidungen zu entsagen und sowohl privat wie auch im Unternehmen den Weg zu einem vertieften Verständnis zu finden, welches systemisch, reflektiert und zukunftsorientiert ist.

 

Was bringt 2017?

In jedem Fall wird auch 2017 wieder ein Jahr der großen politischen Entscheidungen. Dabei wird sich zeigen, ob der Rechtsruck (und in einigen Ländern auch Linksruck) weiter anhält oder ob der postfaktische Propagandazug der Nationalisten im nächsten Jahr verebbt. Die Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein sowie in Nordrhein-Westfalen werden als erste Fingerzeige für die Bundestagswahlen im Herbst dienen. Im April wählt Frankreich – gewinnt Le Pen, so wird der Ton und die Stimmung in Europa wohl noch schärfer und radikaler. Auch in Italien brauen sich Unwetter zusammen, die politische Zukunft des Landes ist unsicher. Und natürlich ist auch ungewiss, wie sich die USA nach der Wahl Trumps verändern wird – Ford und GM spüren schon jetzt die Auswirkungen und haben entsprechend reagiert – der Postprotektionismus lässt grüßen.

Was bedeutet das für Unternehmen und Wirtschaft? Der Trend zu höherer Volatilität und Dynamik wird sich weiter verstärken, da das politische und gesellschaftliche Unternehmensumfeld instabiler wird. Das bedeutet, dass die VUCA-Faktoren (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) weiter an Bedeutung gewinnen werden und Manager und Mitarbeitende einmal mehr responsive [1] Fähigkeiten bilden müssen, um ihre Unternehmensstrukturen und -prozesse an dynamische Kontexte anzupassen.

Des Weiteren wird die zunehmende Digitalisierung Chancen und Herausforderungen für Ihr Unternehmen und auch HR bereithalten. In unseren Augustnotizen haben wir die Digitalisierung des Personalwesens näher betrachtet und Handlungsweisen empfohlen. Klar ist, die Arbeitswelt 4.0 kommt und Unternehmen tun gut daran, sich 2017 intensiv mit neuen Arbeits- und Organisationsmodellen auseinanderzusetzen. Die Konkurrenz schläft nicht und bereits jetzt zeigt sich, dass gerade Mittelständler noch zu sehr an alten Denkmustern festhalten und Neustrukturierungen ablehnen.


Impulse für das neue Jahr

Unsere Impulse für 2017 intendieren insbesondere, postfaktisches Handeln zu erkennen und entsprechend zu reagieren, Selbstführung und Menschenfokus zu fördern sowie systemisches Management und gesunde, responsive Organisationsentwicklung zu ermöglichen. Gleichzeitig können Ihnen einige dieser Impulse auch als Orientierung zu Ihrer persönlichen Entwicklung dienen.

 

  1. Ihre Organisation als lebendigen Organismus betrachten

Versuchen Sie im neuen Jahr, Ihr Unternehmen noch stärker als lebenden Organismus zu betrachten, als ein vitales System, welches Homöodynamik benötigt. Das bedeutet: Bewerten Sie Probleme und Herausforderungen aus einer ganzheitlichen Perspektive und versuchen Sie, deren Ursachen und Auswirkungen zu verstehen. Es ist nichts gewonnen, wenn Symptome aus ihrem Zusammenhang gerissen werden. Betrachten Sie Ihre Organisation aus der Metaebene, um einzelne Strukturen, Teams, Projekte und Prozesse in ihrer Interdependenz zu analysieren. Dies bedeutet auch, subjektive Wertungen und Gefühle möglichst zurückzunehmen. Hierfür benötigen Sie Zeit und Perspektivenwechsel. Im intensiven Diskurs mit unternehmensinternen und -externen Experten und einer längerfristigen und regelmäßigen Selbstreflexion kann eine entsprechende Perspektive eingenommen werden. Die systemische Beobachtung aus der Metaebene hilft, sich von typischen Denk- und Verhaltensmustern zu lösen und die nötige Distanz zu sich selbst und zur Organisation zu gewinnen. Erfassen Sie das Zusammenspiel der einzelnen Zellen und Verbünde Ihrer Organisation. Als Hintergrundfolie können Sie bspw. das Wabenmodell der Gesunden und Kranken Organisation (s. Abb. 1) verwenden. Das Modell ermöglicht eine fokussierte Betrachtung und Bewertung einzelner Dimensionen, aber eben auch den reziproken Schluss auf das Gesamtsystem und dessen Funktionalität.

 

 

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Abbildung 1: Die Wabenmodelle der Gesunden und Kranken Organisation

 

  1. Iteratives „System 2 – Denken“ statt spontanem Aktionismus

Mit einer Fülle verblüffender Beispiele weist der Wirtschaftsnobelpreisträger Kahnemann (2015) darauf hin, welchen mentalen Mustern wir folgen und wie (fatale) Fehlentscheidungen entstehen. Verantwortlich dafür sind zwei unterschiedliche kognitive Systeme, die unser Denken beeinflussen. System 1 arbeitet dabei weitgehend automatisch, schnell, mühelos und ohne willentliche Anstrengung, System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf anstrengende mentale Aktivitäten, die zur Lösung komplexerer Probleme notwendig sind. Gerne identifizieren wir uns mit System 2, das wir mit Kontrolle, Steuerung und Rationalität in Verbindung bringen, realiter werden wir allerdings stärker von System 1 beeinflusst. Da die kognitiven Aktivitäten von System 2 deutlich anstrengender sind, greifen wir gerne auf System 1 zurück. Dies geschieht weitgehend unbewusst und dadurch nicht immer zum Vorteil für die beste Entscheidung. Im hektischen Geschäftsalltag ist es deshalb sinnvoll, weniger spontan, reflexiv und aktionistisch zu entscheiden und sich mehr Zeit zu nehmen, zu wirklich sinnvollen Entscheidungen zu gelangen.

Im Interview mit dem Managementforscher Prof. Dr. Hans A. Wüthrich, welches in unserem Fachbuch „Führen in der Gesunden Organisation“ veröffentlicht wurde (Kallenbach, 2016), geht Wüthrich darauf ein, wie Führungskräfte bessere Entscheidungen treffen können. Gute Entscheidungen entstehen seines Erachtens dadurch, sich inspirieren zu lassen, die Inspiration zu reflektieren, sich auszuruhen und das Gehirn an der Lösung arbeiten zu lassen, um schließlich nach einiger Zeit eine aufgeschobene, emotionale Entscheidung zu treffen (vgl. Abb. 2).

 

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Abbildung 2: Entstehungsprozess einer aufgeschobenen, emotionalen Entscheidung

 

Außerdem benötigen gute Entscheidungen Perspektivenvielfalt, weshalb eine einzelne Führungskraft oftmals überfordert ist und die kollektive Intelligenz und das verfügbare Wissen der Organisation als Inspiration nutzen sollte. Um die Qualität von Entscheidungen weiter zu verbessern, ist es nützlich zu erkennen, bei welchen Entscheidungen überhaupt eine Entschleunigung sinnvoll ist. Hilfreich ist der Blick auf Komplexität, Dynamik, bestehende Zusammenhänge sowie ein iteratives Entscheidungsverhalten, also ein wiederholendes Neuentscheiden während eines Prozesses. Der Gedanke, dass sorgfältige Analysen und spezifische Messinstrumente den Ausgang einer Entscheidung langfristig vorhersagen können, gehört wohl der Vergangenheit an. Nehmen Sie sich also in 2017 mehr Zeit für wichtige Entscheidungen, beziehen Sie verschiedene Perspektiven mit ein und trauen Sie sich auch, Entscheidungen in kleinere Entschlüsse abzuleiten, um während des Prozesses die Entwicklungen neu einzuschätzen.

 

Fokus auf Gesundheit und eine Gesunde Organisation

Wir ermutigen Sie dazu, in 2017 Gesundheit als einen zentralen Maßstab für Ihren persönlichen Erfolg wie auch für die Leistung Ihres Teams und Ihrer Organisation anzusetzen. Achten Sie dieses Jahr stärker darauf, Ausgleiche zu schaffen und beobachten Sie bewusst, ob und inwiefern gesunde und fitte Mitarbeiter, inklusive Ihnen selbst, höhere Leistungen erzielen, besser gestimmt sind und kollaborativer arbeiten. Leistung und Gesundheit verstärken sich gegenseitig und nur ein gesundes Unternehmen ist nachhaltig leistungsfähig. Intensivieren Sie daher Ihre Bemühungen um einen gesunden und psychisch sicheren Arbeitsplatz. Sie können klein anfangen, indem Sie sich selbst und Ihre direkten Kollegen besser verstehen lernen, einen Diskurs zu Fehltagen oder Überstunden anstoßen und Zahlen, Fakten, Meinungen und Perspektiven zum Gesundheitszustand Ihrer Organisation sammeln und mit Ihren Kollegen an einfachen, ursachenorientierten Lösungen arbeiten. Sie können eine unternehmensweite Auseinandersetzung mit den Themen Gesundheit und Leistung anstoßen und damit dazu beitragen, die Gesunde Organisation als allgemeinen Ethos zu etablieren.

  1. Neuinterpretation von Führung

Schließlich, und dies ist vielleicht der wichtigste Impuls, ist es Zeit, Führungsweisen zu hinterfragen. Wir ermuntern Sie dazu, in 2017 auf die üblichen Machtspielchen zu verzichten und sich Zeit für tatsächliche Mitarbeiterführung zu nehmen. Dies bedeutet, sich nicht im Mikromanagement zu verlieren, sondern Aufgaben sinnvoll zu delegieren, Verantwortung zu übertragen, Vertrauen zu schenken und Ihre Mitarbeiter zu unterstützen und zu befähigen. Versuchen Sie, Führung weniger direktiv-autoritär und mehr kollaborativ-serviceorientiert zu verstehen. Interpretieren Sie Ihre Führungsaufgabe als Dienstleistung an Ihren Mitarbeitern und ermöglichen Sie Selbstführung. Dazu müssen Sie Ihre Mitarbeiter als mündige und motivierte Erwachsene anerkennen, die mit Ihrer Unterstützung und gezielten Entwicklungsmaßnahmen ihre Potenziale entfalten können. Natürlich braucht es dafür den Mut, loszulassen und Kontrolle abzugeben, doch Führungskräfte werden nicht an der Stärke Ihrer Kontrolle und der Dominanz Ihres Auftretens gemessen, sondern an der Leistungsfähigkeit und Potenzialentfaltung ihrer Mitarbeiter und Teams. Denn es gilt, wie auch Dave Ulrich im Interview verriet: „Führende sind effektiv, wenn sie andere besser machen.“ Machen Sie also Ihre Mitmenschen besser, indem Sie diese fördern und unterstützen und gestalten Sie so Ihre Führungsrolle als die eines Gestalters und Dienstleisters.

Nutzen Sie 2017 also dazu, um die Worte „postfaktisch“, „aktionistisch“ und „destruktiv“ aus dem Wörterbuch zu streichen. Ein neues Jahr mit neuen Chancen und Herausforderungen – bleiben Sie vor allem gesund und leidenschaftlich, in dem was Sie tun.

 


(1) Der Begriff der „Responsivität“ findet heute vor allem im Webdesign Verwendung. Vereinfacht ausgedrückt wird hierunter die Anpassungsfähigkeit einer Website an die verschiedenen Endgeräte (Desktop, Tablet, Smartphone) verstanden. Seit einigen Jahren wird der Begriff auch für Organisationen benutzt („responsive organisation“), die in der Lage sind, in Schleifen zu lernen, schnell auf Veränderungen zu reagieren, die experimentieren, deren Mitglieder gemeinsam mit Partnern und Lieferanten in Netzwerken arbeiten und die der gemeinsame Sinn und Zweck einer Organisation motiviert. Danke an dieser Stelle an Dr. Frank Klinkhammer und Melanie Vones (OOTW), die uns erstmalig mit dem Begriff bekannt gemacht haben.


 

Literaturverzeichnis

Kahnemann, D. (2015). Schnelles Denken, langsames Denken (19. Auflage). München: Siedler.

Kallenbach, I. (2016). Führen in der Gesunden Organisation. Außergewöhnliche Leistung durch Potenzialentfaltung. Freiburg: Schäffer-Poeschel.