Ingo Kallenbach

Change Management: The Connected Company (Dave Gray&Thomas Vander Wal)

„The Connected Company” –  “Das vernetzte Unternehmen” ist ein 2014 in Englisch erschienenes Buch vom Erfolgsautor Dave Gray und Unternehmensberater Thomas Vander Wal, das durchaus relevant ist für alle Verantwortlichen, Entscheider und Manager in Konzernen sowie KMUs.

Auch wenn es „schon“ zwei Jahre alt ist, zeigt es doch die aktuellen Unternehmensherausforderungen deutlich auf und präsentiert Lösungen, um Organisationen in ihren Strukturen an ein neues Umfeld anzupassen und Verantwortliche in ihrer Führungsweise das Entfalten von Potenzialen zu ermöglichen. Die Autoren präsentieren mehr als nur ein innovatives Organisationsdesign; sie erlauben es uns, neue Wege zu erkennen, um Kunden besser zu verstehen, Märkte agil zu bearbeiten und Mitarbeiter optimal zu unterstützen. Zusätzlich wertvoll erscheint das Buch durch Grays handgezeichnete Modelle, die einen authentischen Einblick in die Gedankenwelt der Autoren bieten und ein einfaches Verständnis erlauben.

Change Management The Connected Company, David Gray

Den Grundstein des Buches bildet eine Analyse des derzeitigen Unternehmenskontexts. Hier zeigen die beiden Autoren eindrücklich, dass Kunden mehr denn je in den Mittelpunkt rücken. Sie sind vernetzt, informiert und selbstorganisiert; sie haben die Möglichkeit, ein Unternehmen zu bewerben oder es mittels viraler Beschwerden, à la „Shitstorm“, zu stürzen. Waren es früher noch fünf Freunde, denen ein Kunde von seinem Erlebnis mit Ihrem Unternehmen erzählen konnte, so sind es heute fünftausend. Die Macht dieses Netzwerks ist enorm. In einer immer stärkeren Dienstleistungswirtschaft können Unternehmen den Kunden nicht mehr als stumpfen Konsumenten sehen. Vielmehr zeigen die Autoren, dass Organisationen in der Gestaltung ihrer Dienstleistungen eng mit Kunden zusammenarbeiten müssen. Das bedeutet auch, größeren Fokus auf kundennahe Bereiche zu legen und kundenverantwortliche Mitarbeiter zu stärken, sodass zum einen Kundenbedürfnisse optimal bearbeitet werden können und zum anderen, die Organisation schneller lernen und sich an Kunden und Märkte anpassen kann. Diese Eigenschaften werden in komplexeren Umfeldern immer essentieller.

Gerade das organisationale Lernen ist ein zentraler Vorteil der „Connected Company“, denn ihre Strukturen ähneln einem Organismus, nicht einer Hierarchieleiter. Ihr Verständnis eines Unternehmens als Lebewesen steht in Einklang mit neueren Veröffentlichungen anderer Managementvordenker (Hamel, Laloux u. a.). Ähnlich wie Laloux, wenngleich weniger spirituell, erklären auch Gray und Vander Wal, dass Organisationen einen bestimmten Zweck verfolgen. Dieser ist in ihren Augen, etwas für Kunden zu tun und Profit zu machen. Diese Erklärung klingt plump, doch in der Tat zeichnet sich das Werk durch seine einfache Verständlichkeit aus, seine „down-to-earth“ und „hands-on“ Perspektive; sehr amerikanisch eben. Und genau diese amerikanische Perspektive würde auch uns Europäern manchmal nicht schaden, denn, wenn man sieht, wieviel Wert Gray und Vander Wal auf Unternehmertum und Experimentieren innerhalb ihres Konzepts legen, wird klar, dass Organisationen der Zukunft tatsächlich nur innovativ sein können, wenn sie auf allen Ebenen und in allen Bereichen unternehmerisches Denken und Handeln ermöglichen. Um das zu erreichen, müssen Unternehmen Selbstorganisation, Autonomie und Vernetzung in ihren Strukturen integrieren. Bei Gray und Vander Wal sieht das dann in etwa folgendermaßen aus:

Change Management The Connected Company, David Gray

Abbildung: Die Zellen-Organisation „Podular Organization“ in Anlehnung an Gray & Vander Wal (2014)

Die Darstellung zeigt: Die sogenannte „Podular Organization“ – „Zellenorganisation“ – der beiden Autoren hat wenig mit klassisch-hierarchischen Strukturen, dafür viel mit Holakratie zu tun. Sie legt ihren Fokus auf die Natürlichkeit, Organik und Entstehung von organisationalen Strukturen. Gray und Vander Wal beschreiben Zellen-Organisationen als deutlich flexibler und anpassungsfähiger als hierarchische Strukturen und sehen sie daher im klaren Vorteil, wenn es darum geht, in einem schnell wechselnden und unsicheren Umfeld zu agieren (Gray & Vander Wal, 2014). Die Grundidee der „Podular Organization“ ist das Entstehen sogenannter „Pods“ (einzelne Zellen), also frei arbeitenden, interfunktionalen und selbstverantwortlichen und -steuernden Einheiten, die eine eigene Organisation in der Gesamtorganisation darstellen. Diese „Pods“ können eigenständig arbeiten, eigene Prozesse entwickeln, autonom entscheiden und sich in größeren Netzwerken zusammenschließen (gestrichelte Ovale). Auch hier gilt die Grundregel „Holarchie statt Hierarchie“. Ähnlich wie im holakratischen Prinzip, aber deutlicher herausgestellt, bietet die Zellen-Organisation eine zentrale Plattform, die unterstützende Dienstleistungen tätigt, Standards und gemeinsame Prinzipien definiert, welche die Kollaboration innerhalb der Organisation regulieren.

 

Change Management: Unsere Einschätzung des Modells

Der extreme Grad an Selbstorganisation bietet zum einen natürliche Vorteile (vgl. Holakratie), birgt allerdings die Gefahr vieler unkoordiniert und redundant arbeitender Teams. Um diese Gefahr zu bannen, müssen organisationale Prinzipien eindeutig und transparent sein. Die Plattform muss als regulierende Kraft großen Wert auf effiziente Kollaboration und Kommunikation zwischen den einzelnen „Pods“ legen.

Gray und Vander Wal geben sich allerdings nicht mit ihrem Organisationsmodell zufrieden, sondern definieren, wie Führung und Management in einem solchen Unternehmen funktionieren sollten. Besonders einprägend: Die Autoren beschreiben auf einleuchtende Weise, weshalb Top-Manager nur wenig geeignet zu sein scheinen, Strategien zu definieren. Strategie passiert zu jeder Zeit, in jedem Team und mit jedem Mitarbeiter. Die Devise für Verantwortliche lautet, eine Vielzahl an Experimenten zu fördern und letztlich aus den gelungensten Experimenten die passende Strategie abzuleiten. So wird Strategie nicht definiert, sondern entdeckt („strategy by discovery“). Führung hat daher in der „Connected Company“ viel mit Kontextgestaltung zu tun: Verantwortliche müssen ein Arbeitsumfeld der Transparenz, des gemeinsamen Zwecks und des Vertrauens schaffen. Dann, so Gray und Vander Wal, sollen sie ihren Mitarbeitern aus dem Weg gehen.

Letzten Endes zeigt das Buch auf, wie Sie Ihr Unternehmen in eine „Connected Company“ weiterentwickeln können. Doch lesen Sie am besten selbst, denn das Buch macht Spaß und gibt den nötigen Impuls, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Auf in eine neue Ära mit Gray & Vander Wals genialem Werk!

Fazit: Dieses Buch ist ein absolutes MUSS, nicht nur für Führungskräfte, Strategen und Organisationsentwickler, sondern für alle, die sich für die Organisation der Zukunft interessieren; denn es zeigt auf wunderbar einfache Weise, wie diese aufgestellt sein könnte, um die Herausforderungen von heute und morgen agil, gesund und erfolgreich zu meistern. Auch deswegen werden Sie, mögen Sie den Hinweis an dieser Stelle verzeihen, einige Parallelen in unserem Buch „Führen in der Gesunden Organisation“ entdecken.